Der Deutsche Pionier: Eine Monatschrift fuer Erinnerungen aus dem Deutschen Pionier-Leben in den Vereinigten Staaten. Der Gruender von Hamburg in Sued-Carolina - Heinrich Schultz.

Biographische Skizze von J. A. Wagener.1

Heinrich   S c h u l t z, ein Name der unter allen deutschen Namen in Sued-Carolina uns bei unserer Ankunft in Charleston, 1833, am lautesten entgegentoente! Von Vielen getadelt, von dem Meisten gepreisen, in Georgia bitter befeindet, in Sued-Carolina ueberall hochgeschaesst. Was mochte dieser Mann gethan haben dass erso warme Freunde, und gleichwohl so toedtliche Feinde hatte? Das ist das Schicksal des wahren Mannes, dass er nicht stille und friedlich seine von dem Menschengewuehle geebneten Wege wandeln kann, sondern kaempfen muss, um besseren Entwuerfen Eingang zu verschaffen. Zwar bricht er sich Bahn, aber wie das zermalmende Rad des Juggernaut muss er das gewoehnliche Leben hart beruehren, und daher das Geschrei der Menge, die aus ihrem Schlendrian gegen ihren Willen aufgeruettet worden ist. Der Eine Hosianna, der Andere Keuzige! Wer jemals neues Streben verlanlasste, frische Ideen ins Dasein gerufen, grossartige Plaene realisirt und einen veralteten, schimmelnden Rost aus bequemen Kammern gefegt hat, mag wohl die Erfahrung bestaetigen, dass die Menschen sich niemals heiserer schreien und niemals wehmuethiger verzagen, als wenn ihre Welt sich aendert und ein neues Licht in ihre bloede Finsterniss leuchtet und ihr traeumendes Mittags-schlafchen stoert.

Heinrich Schultz, der Gruender von Hamburg, war zwar nicht das Ideal eines Deutschen Mannes, wie wir ihn gerne haben, aber er war ein Keim des alten Stammes, voll Leben und Kraft, voll Einsicht und beharrender Wirksamkeit. Seine Fehler und Thorheiten waren zweifelsohne die Folge seiner jugendlichen Eindruecke und der Vorurtheile, die er in Amerika sich angeeignet. Denn es ist unverneinbar, dass er noch in der Bildung begriffene Mensch sich mit wenigen Ausnahmen den Meinungen des Volkes anschmeigt, in dessen Mitte er zum Manne heranreist; ja leider, die menschliche Natur ist in den Sprudeljahren eher zur Suende wie zur Tugend geneigt, und deshalb wird das jugendliche Gemueth, wenn es sich in der Fremde, fern von Verwandten und den heilsamen Einfluessen der Heimath, selbst ueberlassen wird, sich eher dem niedrigen wie dem hoheren Leben anreihen. Von Schultz wird gesagt, selbst von dem liebenswuerdigsten und waermsten Deutschfreunde, den wir um naehere Berichte ersucht hatten, "dass er in socialer Beziehung doch gar zu boese gewesen sei!" Das mag sein, wir wissen es nicht; aber wir wissen, dass er ein thatkraeftiger, rastloser, einsichtsvoller deutscher Mann war, mit einem vollen deutschen Herzen, so dass er selbst noch in seinem hohen Alter und nachdem er seinen Reichstum laengst verloren, mit aller Macht solche Landsleute unterstuesste, die aermer waren wie er; ja, dass er mit der reinsten Treue das Vertrauen, welches ein Landsmann in ihn gesesst, der ihm in seiner Noth, als ein tyrannisches Staatsgesess ihn verfolgte, sein ganzes Vermoegen in die Haende gab, gerechtfertigt hat. "Honi soit, qui mal y pense!"

Karte der Savannah-Flusse Region

Schultz war in Hamburg an der Elbe geboren. Zur Zeit als Napoleon mit eisernem Grimme den Handel seiner Vaterstadt zerstoert hatte, musste er wegen eines Knabenstreiches entfliehen und kamm in 1806 als Leichtmatrose nach Amerika. Hier begegnen wir ihm zuerste im Jahre 1814 im Handels- und Transport-Geschaefte zwischen Savannah and Augusta, in Vereinschaft mit einem Amerikaner, Namens Cooper, als den Patron eines Flachbootes auf dem Savannah-Flusse. Die Firma verdiente viel Geld und war bald im Stande sich einen Freibrief zu verschaffen und die grosse Bruecke zu bauen, die den Verkehr Augusta's mit Sued-Carolina erleichtern sollte. In 1816 verkaufte Cooper einen Antheil in der Firma an einen McKennie, und dieselbe hiess hinfort McKennie & Schultz. Ihre Mittel erweiterten sich zusehends und in einegen Jahren hatten sie, nebst ihrem bedeutenden Handelsgeschaefte eine Bank errichtet und ein grosses, prachtvolles Boersengebaeude erbaut, welches damals das schoenste in Augusta war und noch heutigen Tages unter den erheblichsten Bauten dieser Stadt sich ausgezeichnet. Im Spaetjahre 1818, musste die Firma in Folge ihrer umfangreichen Spekulationen in Baumwolle, bei ploetzlich beinahe um die Haelfte im Preise sank, unterhandeln und sich aufloesen, und ihr Bankgebaeude sowie der Bruecke wurde an die Staatsbank von Georgia abgetreten.2 Auf diesen Vorfaellen entsprang der langjaehrige, kostspielige Process, der Schultz bis ans Ende seiner Tage beschaeftigt hat und dessen in den beigefuegten Auszuegen Erwaehnung geschieht. Da die Geldkrisis jedoch bald vorueber war, musste Shultz noch ein Bedeutendes zu retten und schaute nun um sich, wie es am Vortheilhastesten zu verwerthen sein wuerde. Sein Herz hing an Georgia, seinem ersten Adoptivstaate, und die Entwickelung von dessen Huelfsquellen und die Ausdehnung dessen Handels und Gewerbes beschaeftigte vorzugsmeise seine Gedanken. War ihm gleich sein erster Entwurf verhaeltnissmaessig misslungen, so verzagte er dennoch nicht. Er war voll Geist und Thatkraft und besass ein umfassendes Urtheil, obgleich seine Schulerziehung nur ganz gewoehnlich gewesen.

Schultz begab sich nun nach Brunswick, einem der vorzueglichsten Haefen an der atlantischen Kueste, wo shon vor einem Jahrhundert deutsche Ansiedler den Grund gelegt, und taufte sich eine grosse Anzahl der noch brach liegenden Stadt-Grundstuecke, mit der Ausuecht, das Staedtchen zum Hauptstapleplasse des Staates zu erheben und dadurch nicht allein eine tausendsache Besserverwerthung seiner "Lots" zu bewerkstelligen, sondern auch den Gross- und Import-Handel des Suedens zu concentriren. Sein naechstes Augenmerk war nun die Beschaffung bessere: Verkehrswege mit dem Binnenlande und behufs dessen, erbot er sich einen zehn Meilen langen Schiffskanal zwischen den beiden Fluessen "Altamaha" und "Turtle" auf sein einegen Kosten herzustellen, im Falle der Staat ihm einen Freibrief und billige Kanalzoelle auf 21 Jahre bewilligen wuerde. Die Gesessgebung aber wollte nicht allein nicht darauf eingehen, sondern viele der weisen Eingeborenen bespoettelten den "Dutchman", und hatten ueberhaupt so viele Gehaesueges ueber die Einwanderer im Allgemeinen zu sagen, dass unserem Landsmann, der von Natur aus nicht sehr geduldig war, die Galle ueberlief. Er verliess Georgia, wo er bereits so Grosses geleistet, und siedelte ueber nach Sued-Carolina. Es wird behauptet, was er von jetzt an unternommen, sei mehr aus Rache gegen Georgia, und besonders Augusta geschehen, wie aus dem Streben nach Gewinn, oder aus Beweggruenden der Ehrgeizes, oder als Folge der scharfen Beurtheilungsgabe eines hellsehenden Geistes. Man sagt, er habe Augusta den Handel der oberen Gegenden Sued Carolina's verschafft, und nun beabsichtige er, der undankbaren und schnoeden Stadt diesen Handel wieder zu entreissen. Waren dieses die Gruende seiner Handlungsweise oder nicht, er erreichte diesen Zweck. Im Jahre 1821 verlieh ihm die Gefessgebung des Palmettostaates einem umfangreichen und liberalen Freibrief und machte ihm auch obendrein ein Darlehn zur Anlegung einer Stadt, die er nach seiner Vaterstadt "Hamburg" benannet. Bald erstanden grosse Geschaefts- und Lagergebaeude, Schenken, Buden und Kosthaeuser und Privatwohnungen. Von nun an blieb die Baumwolle, die alljaehrlich zum Belaufe von 70 bis 80,000 Bollen von Sued-Carolina nach Augusta verschifft worden, in Hamburg, und der Handel des neuen Staedtchens betrug in wenigen Jahren ueber zwei Millionen Dollars per Annum wohingegen die ganze Reihe der vornehmsten Geschaeftshaeufer Augusta's leer stand. Augusta liegt am Savannah an der Georgia Seite, Hamburg grade gegenueber an der Sued-Carolina Seite.

Im Jahre 1846 waren wir der Redacteur des "Teutonen," der ersten deutschen Zeitung in Charleston. Eines Tages trat ein langer, schlanker noch zehr ruestiger alter Mann, in unsere Office und introducirte sich als "Heinrich Schultz, Gruender von Hamburg." Er gefiel uns seinem Aeussern nach wohl, obgleich wir ein kleines Vorurtheil gegen ihn hatten, im Uebrigen aber seine wahren Verdienste gerne anerkannten. Er hatte bestaendig Krieg mit seinem Nachbarn in Georgia und es hiess sogar, dass er auf seiner Huegelresidenz eine Kanone aufgestellt, um sich gegen etwaige Angriffe des Augusta Poebels im Rothfalle vertheidigen zu koennen. Dies mag wahr sein oder nicht, wir haben ihn nicht darum befragt. Er ersuchte uns, einige Notizen aus englischen Zeitungen zu copieren, die sich auf seine Unternehmungen bezoegen, welches wir mit Vergnuegen unternahmen.

Im Jahre 1852 also lange vor dem letzten, boesartigen Kriege ist Heinrich Schultz in Hamburg gestorben.3 Er war beinahe arm, aber ein deutscher Freund, Herr Damme in Hamburg, hat ihn getreulich bis ans Grab gepflegt und seine letzten Wuensche in Empfang genommen. Sein Staedtchen is gegenwaertig nur noch der Schatten dessen, was es dereinst gewesen. Die Bevoelkerung ist eine Horde von circa 2000 Schwarzen, mit sehr wenigen weissen Geschaeftsleuten. Der Handel ist wieder nach Augusta entflohen und Gott mag wissen, ob jemals eine bessere Zeit wiedekehren kann. Wir schliessen mit den eigenen Worten unseres leben Augusta Freundes: "Hamburg ist jetzt in Ruinen. Der alte Gottesader ist von Untraut ueberwuchert, und Shultz's Grab hat keinen Stein noch irgend ein Merkmal, seine Ruhestaette zu bezeichnen. Was ist menschlicher Werth, menschliche Kraft, meschliche Ehre? Kaum zwanzig Jahre und bereits vergessen! So werden wir vergessen werden, wenn unsere Stunde gekommen, und selbst wenn die Liebe ober Freundschaft uns ein Denkmal widmen sollte, wer wird sich die Muehe nehmen, wer wird anhalten, zu entraethseln, was der Staub verbirgt?"

Anmerkungen
    1 Bremer Einwanderer, General der K.S.A., und Buergermeister von Charleston, Sued Carolina. Er starb 1876.
    2 Die sogenannte "Bridge Bank" loeste Mai 1819 auf.
    3 Schultz starb am 13. Oktober 1851.

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